Philharmonischer Chor

__„Ganz bestimmt“

„Ganz bestimmt!“ - Unter diesem Motto fand am 3. November 2007 auf Einladung des Philharmonischen Chores Berlin eine Internationale Tagung zur Chorkultur statt. Im Einstein-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Berliner Gendarmenmarkt gingen Referenten aus dem In- und Ausland, Vertreter der Verbände, der Musikpraxis, der Politik und der Medien Fragen zur Herkunft, Gegenwart und Zukunft von Laienchören nach.

Nach einer kurzen thematischen Einführung und Begrüßung durch den Vorsitzenden des Philharmonischen Chores Berlin, Michael Seyffert, warf der Berliner Musikpublizist Habakuk Traber einen Blick zurück auf die 125-jährige Geschichte des Philharmonischen Chores Berlin. „Aufbruch als Devise“ - dieses Motto lässt sich aus der Entwicklung des Chores ableiten, der sich aufgrund seines Standortes und seiner Historie im Wandel der Zeiten vielen spezifischen Herausforderungen gegenübersah. Andererseits spiegelt seine Geschichte aber auch exemplarisch die Probleme vieler traditionsreicher deutscher Laienchöre wider, die mit der Entwicklung des Musiklebens im Allgemeinen, aber auch besonders in Deutschland zusammenhängen. Perspektivisch plädierte Traber für eine Neubestimmung des Begriffes „Laienchor“: Professionelles künstlerisches Niveau sei unabhängig davon zu erreichen und zu bestimmen, ob Musiker für ihre Leistung bezahlt würden. So müssten Uraufführungen zeitgenössischer Musik nicht Profi-Ensembles vorbehalten bleiben; stattdessen sollte die Zusammenarbeit von Laienchören und Komponisten unbedingt vermehrt gefördert werden. Zudem wäre eine deutlich verstärkte Vernetzung von Laienchören untereinander, nicht nur bei der Verwirklichung von gemeinsamen Projekten, sondern auch im Bereich der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit wünschenswert.

Das Chorsingen in Großbritannien stand im Mittelpunkt der Betrachtungen von Simon Halsey, dem Chefdirigent des Rundfunkchors Berlin. Chormusik ist in England im Wesentlichen eine Kunstgattung, die von Amateuren gepflegt wird, nicht zuletzt, weil sie teilweise immer noch stark in der ungebrochenen Gesangstradition der Church of England verwurzelt ist. Heutzutage erfährt sie durch multikulturelle Einflüsse Impulse auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Mit der breiten Amateurmusikszene in Beziehung steht eine nur sehr kleine, aber international renommierte professionelle Chorszene. Nach jahrzehntelangem allmählichem Absterben der Tradition der Chormusik erlebt das Ensemble-Singen heute wieder ein Comeback. Die Gründe dafür sind vielfältig: unter anderem wurde Singen wieder als Pflichtfach in den Lehrplan der Schulen aufgenommen, fanden neue Ideen aus dem Ausland Einzug in die Chorpädagogik und vor allem in die Jugendchorszene, gibt es verstärkte Möglichkeiten zur Chordirigenten-Ausbildung und darüber hinaus einen Trend zur projektorientierten Chorarbeit.

Stefan Parkman, Professor für Chorleitung an der Universität Uppsala, ließ im Anschluss seinen Blick über die Situation des Chorsingens in Skandinavien schweifen, wo Chorsingen eine jahrhundertealte, ungebrochene Tradition hat. Lagen die inhaltlichen Schwerpunkte zunächst im Bereich der religiösen Musik durch eine enge Zusammenarbeit von Schule und Kirche, hat sich das Repertoire seit dem 19. Jahrhundert um weltliche Lieder erweitert. Die Trennung von Staat und Kirche führte in Schweden Ende des 20. Jahrhunderts zur Verkleinerung oder gar Abschaffung von großen Oratorienchören und bedeutete für die Kirchenchormusik in eine tiefe finanzielle Krise. Im Gegenzug entstanden zahlreiche kleinere Ensembles. Die prägendste Persönlichkeit für die Chormusiktradition in Schweden ist seit vielen Jahrzehnten Eric Ericson. Er regte viele zeitgenössische Komponisten an, für Chor zu schreiben. Diese Kompositionen sind einerseits maßgebliche Quelle für den typisch schwedischen Gesangsstil und wurden andererseits Ausgangspunkt für den dortigen hohen Chorstandard.

Der Chor als Akteur im deutschen Kulturleben war Gegenstand des Vortrags von Robert von Zahn, Generalsekretär des Landesmusikrats Nordrhein-Westfalen. Der Rückgang der musikalischen Erziehung generell stellt ein erhebliches grundsätzliches Problem dar. Chöre haben zudem mit der demographischen Bevölkerungsentwicklung, der zunehmenden Anzahl von Personen mit Migrationshintergrund und zu wenig Gesangsangeboten in Kindergärten und Schulen zu kämpfen. Von Zahn plädierte daher am Beispiel der Förderprogramme des Landesmusikrates Nordrhein-Westfalen für den Versuch, mit diesen Herausforderungen für Chöre der Gegenwart ebenso innovativ wie kreativ umzugehen. Hierzu gehört vor allem die Förderung des Singens bereits im Vorschulalter, aber auch die Unterstützung multikultureller Festivals oder spezieller Gesangsprojekte für Senioren. Denn gerade Chorsingen hat erwiesenermaßen erhebliche Bedeutung als gesellschaftlicher Faktor. Es fördert die Gesundheit, unterstützt die Sprachförderung und -kompetenz und wirkt positiv bei der Entwicklung von kommunikativen Fähigkeiten.

Die wichtigsten Ausschnitte der abschließenden Podiumsdiskussion können Sie hier in der Sendung Chormusik, die am 22.11.2007 von 22.00 - 22.30 Uhr im Deutschlandradio Kultur gesendet wurde, hören.


Deutschlandradio Kultur

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